1. Typographie

ist die Kunst des feinen Maßes. Ein Zuwenig und Zuschwach entfernt sie ebenso von der Meisterschaft, wie ein Zuviel und Zustark.

2. Typographie

ist eine Dienstleistung. Die Kunst daran ist vor allem die Kunst, von sich selbst einmal absehen zu können, die Disziplin, sich nicht zwischen Autor und Leser zu drängen.

3. Typographie

hat schon vor Jahrhunderten ihre schönsten Formen gefunden. Dafür haben sich die Gebote und Regeln gebildet, die den Augen und der Hand dienen dem Sehen und Begreifen. Ergreifen erzeugt Besitz. Begreifen fördert Einsicht.

4. Typographie

geht im Abendland auf einen kaum zu verändernden Zeichenvorrates römischen Alphabetes zurück, das ist so wenig zu verändern wie die Formen von Beil, Sichel, Pflugschar (Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden).

5. Typographie

setzt logisches Denken und psychologisches Wissen voraus. Das Lesen nacheinander geordneter Buchstaben und Worte setzt die Fähigkeit zum Folgenden voraus. Das ist mühselig und wird durch gute Typographie erleichtert.

6. Typographie

ist der Umweltschutz der Augen, die es zwar zu öffnen und zu interessieren, aber nicht zu beleidigen und zu verwirren gilt. Das Sichtbarmachen von Sprache in all ihrer Ausdrucksvielfalt ist an den Grundvorrat des Alphabetes und an die Gesetze des Sehens und Verstehens gebunden.

7. Typographie

bildet durch Schrift. Schrift ist Charakter. Sie charakterisiert ihren Entwerfer, entlarvt Phrasen, falsches Pathos, Gemeinplätze, Anbiederungen, Selbstüberschätzung ist ein sicheres Anzeichen von Dilettantismus. Mit der Wahrheit leben, vermeidet Gedächtniskonflikte.

8. Typographie

stellt so vielfältige Aufgaben, mit so unterschiedlichen Ziele, dass engstirnige Stilfanatiker in Konflikte geraten. Stilfanatismus endet in Routine; die ist kalt und abweisend. Etwas verstehbar machen ist die Vorstufe zum Erlebbar machen.

9. Typographie

kennt nur wenige Regeln und Meister, die sich in einem halben Jahrtausend gebildet und erhalten haben. Sie sind nicht zu kopieren. Als die Kunst, Worte und Sprache in der angemessenen Form sichtbar – lesbar – verstehbar zu machen einsichtig zu machen. In der Typographie gibt es so wenig zu erfinden wie in der Kochkunst oder im Bett.

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